Wörner, Ruth

Standpunkt: Wiederholen – langweilig oder notwendig?

Gedanken zu Wiederholung, Variation und Ritual

erschienen in: Musik, Spiel und Tanz 2018/04 , Seite 6

In vielen Fort- und Weiterbildungen taucht die Frage auf, wie mit dem Wiederholen umzugehen sei. Ist es für Kinder nicht langweilig, Lieder, Verse und Tänze Mal für Mal zu wiederholen? Wäre es nicht schöner, sie könnten öfter einmal etwas Neues kennenlernen? Oder steckt in der Wiederholung eine besondere Chance für das Lernen, die es zu bewahren gilt?

Wiederholung gehört zum Leben

Das wieder­holte Erleben von Abläufen ver­mit­telt Men­schen in den unter­schiedlich­sten Leben­sphasen Halt, Sicher­heit und Gebor­gen­heit. Der Säugling schre­it – und kurz darauf erscheint seine Mut­ter und nimmt ihn auf; das Kleinkind hat den Ball angeschub­st – da gerät er ins Rollen. In jedem Früh­jahr erscheint frisches Grün an den Bäu­men; das Handy klin­gelt mit dem immer gle­ichen Ton; wenn wir ein Kochrezept lesen, wis­sen wir schon, wie die Abläufe sein wer­den. Wieder­hol­ung ist aus unserem All­t­ag nicht wegzu­denken. Das Wieder­holen, Repetieren oder auch Reka­pit­ulieren der­sel­ben Abläufe sorgt dafür, dass das Erlernte im neu­ronalen Net­zw­erk gefes­tigt und damit abruf­bar wird. Wie oft übt ein Kind aufzuste­hen, bis es endlich frei herum­laufen kann. Wie oft dreht es den Schraub­ver­schluss ein­er Flasche auf und zu, bis der Vor­gang selb­stver­ständlich wird. Ist die Hand­lung im Gehirn fest ver­ankert, kann darauf aufge­baut wer­den. Das gehende Kind hat die Hände frei und kann damit Neues ent­deck­en. Ist das Auf- und Zudrehen eines Schraub­ver­schlusses automa­tisiert, kann man sich zur gle­ichen Zeit mit dem Nach­barn unter­hal­ten. Die Vari­a­tion des Gel­ern­ten und das Aus­brechen aus dem Gewohn­ten verur­sachen zunächst ein Aufmerken, unter Umstän­den auch ein Erschreck­en. Dies kann im päd­a­gogis­chen Kon­text method­isch sin­nvoll einge­set­zt wer­den. Es stärkt die Abruf­barkeit von Infor­ma­tio­nen im neu­ronalen Net­zw­erk.

Begriffsklärungen

Unter dem Begriff Wieder­hol­ung ver­ste­ht man im All­ge­meinen das nochma­lige Durch­führen ein­er Hand­lung, ein­er Vorge­hensweise oder auch ein­er Übung. Dies hat eine Ver­tiefung des The­mas zur Folge und ver­stärkt den Lern­ef­fekt. Die Vari­a­tion ist eine Abwand­lung oder Verän­derung von etwas Bekan­ntem. Spricht man in der Päd­a­gogik von Dif­feren­zierung, so ist damit die Möglichkeit gemeint, den zu wieder­holen­den Inhalt indi­vidu­ell so zu gestal­ten, dass jedes Kind mit seinen per­sön­lichen Bedin­gun­gen „mitgenom­men“ wird. Von einem Rit­u­al spricht man in Bezug auf eine in fes­tlich-feier­lichem Rah­men nach fes­ten Regeln vorgegebene Hand­lung mit hohem Sym­bol­ge­halt.

Formen der Wiederholung

Das Wieder­erken­nen von etwas in regelmäßi­gen Abstän­den Wieder­holtem führt zu einem nach­halti­gen Lern­ef­fekt. Dieser kann allerd­ings nur dann ein­treten, wenn die Wieder­hol­ung aus­re­ichend häu­fig durchge­führt wurde.

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